Ein Jagdhund als Familienhund?

Immer wieder stellt sich für Interessenten die Frage, ob ein Jagdhund wie der Labrador Retriever als Familienhund gehalten werden kann und wie es hierbei mit den verschiedenen Linien aussieht.

 

Um die Frage nach der Haltung beantworten zu können, sollten wir uns primär vor Augen führen, dass nur eine starke Selektion auf die in der Rasse Labrador Retriever verankerten Wesensmerkmale dazu geführt hat, dass diese Rasse überhaupt erst als Familienhund derartigen Aufschwung vor etwa 10-15 Jahren erlebt hat.

 

Hinzu kommt, dass als jahrzehntelang der Labrador ausschließlich auf seine jagdlichen Eigenschaften selektiert wurde nur Hunde für die Weiterzucht verwendet wurden, die leichtführig, in sich ruhend und mit dem allseits bekannten will to please ausgestattet waren. Diese Hund waren gut zu kontrollieren, nicht nervös, aggressiv oder gar scheu sondern einfach in der Ausbildung und dementsprechend auch zu Hause angenehme Hunde die sich schnell den häuslichen Regeln unterwarfen.

Niemand der damaligen Gamekeeper hätte viel Zeit und Geld in einen Hund investiert der nicht über die notwendigen Anlagen und das notwendige Wesen verfügte. Zeit war und ist bekanntlich Geld und Hunde die Probleme in der Ausbildung machten wurden abgegeben und kamen auch somit nicht in die Zucht. 

Diese strenge Selektion wird noch heute von vielen englischen Züchtern wie auch einigen kontinentalen so verfolgt und ist mit ein Grund warum wir auch heute noch ein so gutes Hundematerial vorfinden.


Die angenehmen Eigenschaften machten den Labrador sehr schnell zu einem sehr gefragten Familienhund da die Leichtführigkeit und der will to please natürlich ein Zusammenleben innerhalb der Familie sehr erleichterte. Leider wie bei jeder Rasse hatte die begonnene Popularität und Degradierung zu einem "Nur-Familienhund" auch hier seine Schattenseiten.

Eine Trennung der Rasse in die sogenannte Arbeits (Field Trial Linie) und Showlinie war nur eine der Folgeerscheinungen mit der wir noch heute zu kämpfen haben und welche wohl unaufhaltsam voranschreitet.

 

Als der Labrador zunehmend nicht mehr nur für seine Leistung im Felde und damit eng verbunden seinem typischen Wesen und seinen Arbeitseigenschaften, sondern vermehrt auf Exterieur Merkmale im Showring selektiert wurde begann eine langsame Trennung der Rasse in zwei grosse Lager.

 

Mittlerweile haben beide Linien optisch kaum noch etwas gemein und jede der beiden Lager beansprucht die Ursprünglichkeit und die Originalität des Labradors für sich.

 

Eine sehr schöne und detaillierte Darstellung über die Veränderungen des Labrador Retrievers in der heutigen Show Linie hat Fr. Anja Möller aus Deutschland auf ihrer sehr informativen Website zusammengestellt: http://www.gunsights.de/pg_gunsights/pg_gunsights/pg_lab_gundog/d_lab_gundog_show_ft.htm

 

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass die ursprüngliche harte Selektion im Feld den Labrador zu dem Hund gemacht hat, der in den 90er Jahren diese Popularität erfahren hat. Ohne diese Selektion und ohne Leistungsprüfungen in denen dies bewertet wurde gäbe es diese Rasse sicherlich nicht in dieser Form. 

 

Daher ist die Frage ob der Labrador als Jagdhund bzw aus einer jagdlichen Leistungszucht als Familienhund tauglich ist eine etwas absurde die jedoch immer wieder Anlass zur Verunsicherung führt. Ein Labrador egal aus welcher Linie er stammt braucht in irgendeiner Form Beschäftigung und Bewegung genauso wie jede andere Rasse die ursprünglich einmal für einen gewissen Zweck der Arbeit gezüchtet wurde.

Meine Erfahrung hat gezeigt, dass gerade Anfänger mit Labradors aus Arbeitslinien sehr leicht zurecht kommen, da diese Hunde in der Ausbildung kaum Probleme machen, wenig in Frage stellen und gerne mit ihren Leuten zusammen arbeiten - all dies Attribute die aus dem jagdlichen Bereich stammen. Sie sind leichtführig, sensibel, brauchen kaum Korrekturen und stellen Regeln und Kommandos selten in Frage. 

 

Warum gerade von Showlinien Züchtern so oft propagiert wird, die Arbeitslinie wäre als Familienhund nicht tauglich, hyperaktiv und nervös und würde 3-5 Stunden Bewegung am Tag brauchen kann ich nicht verstehen. Es scheint mir als wäre dies schon fast zu einem Verkaufsargument für die Showlinien geworden, frei nach dem Motto, den Käufern bliebe somit eh keine Wahl wenn sie nicht 24h pro Tag ihren Hund bespaßen wollten.

 

Auch ist es Humbug wenn verbreitet wird, wir Arbeitslinien Züchter würden unsere Hund nur an Jäger abgeben und es hätte nicht mal Sinn bei einem solchen ohne Jagdschein anzufragen?!

 

Ich persönlich gebe meine Welpen genauso gerne an aktive sportliche Familien in denen der Hund Dummyarbeit als Beschäftigung erhält, als auch in Jägerhände ab. Zusätzlich begrüsse ich jeden der den Labrador auch in weniger etablierten Bereichen wie der Polizeihundearbeit, Rettungshundearbeit als auch Agility und Obedience einsetzen möchte.

 

Jeder Züchter hat solche und solche Welpen in einem Wurf - und dafür braucht man dann auch die passenden Hundeeltern aus verschiedensten Lagern ;)